Dalsland Kanot Maraton+

Die schwedische Provinz Dalsland liegt ca. 150 km nördlich von Göteborg, nahe der norwegischen Grenze. Hier ist noch alles typisch schwedisch – die schnuckeligen Häuschen sind rot-weiß, die ausgedehnten Wälder tiefdunkelgrün und die zahlreichen Seen so blau wie nur irgendwas. Naja, wenn die Sonne scheint, aber das tut sie hier ja laut den Einheimischen eh meistens. Wenn es doch mal wieder aus allen Kübeln schüttet – egal, das nächste Schweden-Hoch kommt bestimmt. Det låter brå! Und dann hat man wieder diesen grandiosen blau-weißen Schweden-Sommerhimmel: fluffige kleine Schäfchen-Wolken, auf 1000 m Höhe in Reih’ und Glied bis zum Horizont, wie auf einer Glasscheibe angeordnet. Jaa, so soll es sein.

Die Gegend ist außer bei Kanufahrern noch wenig bekannt. Weitverzweigte Seen, die über Umtragen oder Schleusen miteinander verbunden sind, erlauben einen mehrwöchigen Paddel-Genuss. Kanufahrer-Herz, was willst Du mehr?

 

Mehr? Ein Marathon muss her! Und so wurde der Dalsland Kanot Maraton+ geboren. Die Einheimischen sind froh, endlich ist mal was los in der ach so beschaulichen Gegend. Einmal im Jahr im August ist hier der Teufel los. An die Tausend Teilnehmer fahren mit bei Sveriges tuffaste Kanot Maraton, also Schwedens härtestem Kanurennen, jawoll! Der Dalsland Kanot Maraton+ ist eine der größten Kanu-Marathon-Veranstaltungen in Schweden. Ein Lauf-Marathon geht ja bekanntlich über zweiundvierzig-komma-nochwas Kilometer. Und weil das im Boot zu langweilig wäre, sind’s hier nochmal 13 km obendrauf: 55 km über vier verschiedene Seen. Deshalb das kleine + am Ende des Namens. Wer hier jetzt die Nase rümpft und meint „och, auf dem Rhein mach ich die 55 ja locker...“, dem sei gesagt: das hier ist stehendes Gewässer, es geht auf Zeit – und Wind gibt es auch, und nicht zu knapp. Man muss sich die Kräfte schon gut einteilen. Ich bin in diesem Jahr das zweite Mal dabei. Letztes Jahr wollte ich einfach nur mal mitmachen und natürlich im Ziel ankommen. Dieses Jahr vielleicht die 8.55 h vom letzten Jahr unterbieten? Na, mal sehen.

 

Am Sonnabend, den 11. August 2007 ist es morgens diesig und grau. Der Start ist bei Baldersnäs Herrgård, einem idyllisch gelegenem alten Herrenhaus am Laxsjön. Vorher drängelt sich schon alles, um die am Vorabend auf der Wiese abgestellten Boote ins Wasser zu bekommen. Kommentiert wird das ganze lautstark über Lautsprecher vom schwedischen Sportreporter, das Fernsehen ist auch dabei für die Lokalnachrichten... Tja es ist halt richtig was los!

 

Um Punkt Acht Uhr dann der Startschuss. Da geht es ab! Hunderte von Booten starten gleichzeitig. Alle hauen tierisch rein auf den ersten Metern. Das Wasser des Laxsjöns wird mächtig durchgerührt. Die Profis in den schmalen Rennbooten schwingen die Karbon-Keulen und sind schon bald im Dunst außer Sichtweite. Die Zweier-Kajaks folgen ihnen. Dahinter der große Pulk bestehend aus Seekajaks, schnittigen Renn-Einern und vereinzelt einigen Kanadiern. Es gibt auch einen Wahnsinnigen, der alleine im Kanadier fährt (boah, ich würde irre werden...).

 

Nach kurzer Zeit schon die erste Umtrage in Skåpafors. Hier haben’s noch alle eilig, das Feld ist noch recht dicht beisammen. Es herrscht großes Gedränge auf dem schmalen Weg. Dann Einsetzen in den Svärdlången, der ist lang und schmal wie ein Schwert – deshalb der Name. Hier finde ich meinen Rhythmus. Das felsige Ufer mit den dicht dahinter stehenden Fichten zieht nah an mir vorbei. Immer mal wieder stehen dort Leute, die die vorbeikommenden Paddler anfeuern. Ob nun mit Rufen oder Klatschen, jeder wird gefeiert! Ein Grüppchen steht wieder am Ufer mit Geigen und spielt schwedische Volkslieder. Das ist einfach schön und eins der Dinge, den den einmaligen Charakter dieser Veranstaltung ausmachen.

 

Während der Fahrt kommt man immer mal wieder mit anderen Paddlern ins Gespräch. Die meisten sind natürlich Schweden, aber auch viele Norweger sowie ein paar Holländer sind dabei. Die Sprache ist kein Problem, viele sprechen ausgezeichnet Englisch, manche auch Deutsch.

 

Bei Kilometer 20 setze ich mein Kajak in den Västra Silen. Vorbei an der weißen Vårviks Kyrka, Schwedens schönster Kirche (laut Tourismuszentrale Bengtsfors, jaha), geht es nach Gustavsfors. Hier ist die dritte und letzte Umtrage und zugleich Zeit für ein kleine Mittagspause. Mein „Groupie“ Barbara wartet bereits dort. Sie wollte ursprünglich auch den Marathon mitfahren, hatte es sich dann aber nach eingehender Befragung ihres Rückens doch anders überlegt. Nun schaut sie sich das Ganze aus der Zuschauerperspektive an und macht Fotos. Auch gut, es soll ja Spaß machen und nicht in Krampf ausarten! Jede Menge freiwillige Helfer sind hier in Gustavsfors zur Stelle, um die mittlerweile schon etwas müden Paddler zu versorgen. Kleine Pippi-Lottas wieseln lachend auf der Wiese zwischen den Paddlern umher und reichen Wasserbecher, Energiedrinks, Brot und Bananen. Ein kleines, blondes Mädchen hat einen Wasserbecher in der Hand und fragt mich mit Piepsstimme: „Vil du har Vatten?“ „Oh ja, vielen Dank... tack så mycket!“ Sie grinst und läuft wieder schnell zu Mutti, den nächsten Becher holen.

 

An einer Stelle sind mehrere Masseurinnen im Einsatz und kneten geplagte Rücken durch. Da ist schon großer Andrang. Mein Rücken fühlt sich glücklicherweise noch ganz gut an. Deshalb nur noch kurz ein Küsschen für Barbara, schnell noch eine schwedische Salzgurke aus dem Fass geangelt (die sind echt lecker!) und auf geht’s zur letzten Etappe auf den Lelång. Der ist lang und zieht sich ewig... Letztes Jahr gab es hier obendrein noch ordentlich Gegenwind und Kabbelwasser. Die Rennboote und die Kanadier hatten damit überhaupt keinen Spaß. Dieses Jahr geht’s. Aber der Lelång ist einfach lang! Zwischendurch in Herrenäs gibt’s noch eine kleine Verpflegungsstelle. Ich trinke einen Kaffee und esse ein Stück Schokolade. Nun warten die letzten 10 km.

 

Es ist bereits später Nachmittag und die Sonne kommt doch noch heraus. In Bengtsfors ist das Ziel. Dahin tacker ich jetzt fast im Automatik-Modus. Sitzen kann ich nicht mehr lange, meine Nackenmuskulatur macht sich auch deutlich bemerkbar. Aber je näher ich dem Ziel komme, desto einfacher wird es. Die letzten Kilometer flutschen nur so unter dem Boot durch. Und dann endlich, nach 9 Stunden, 10 Minuten und exakt 28 Sekunden erreiche ich das Ziel. Uff, geschafft! Aussteigen, Rücken strecken, aach herrlich! Ist doch länger geworden als im Vorjahr, was mir aber herzlich schnuppe ist. Dabeisein ist alles!

 

Text: Helge K.

Bilder: Barbara G.

 

 

 

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Kommentare

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Bernd Höher from Berlin
Dienstag, 06-11-07 07:58

Hallo!
Danke für den tollen Bericht. Genauso war das. Icke war auch dabei, das erste mal übrigens. Tja, warum macht man sowas? Nach dem Bericht im KANU-Magazin (ich glaub 2/07) wusste ich, das isses, da muss ick hin! Also ein bisschen trainiert ;-) Boot aufs Auto und hingedüst. Erstmal alleine, zum Schnuppern - Familie wollte (noch) nicht mit. Vor Ort wusste ich, warum ich mir das antue - ich sag nur - Gänsehautgarantie!!! Wenn mehr als 800 Paddler gleichzeitig loswühlen, dann brodelt der See! Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl - ich bekomm jetzt noch Gänsehaut, wenn ich dran denke.
Eine tolle Organisation, viele viele lockere, gutgelaunte und fröhliche Leute machten den Marathon zu einem Fest. Im nächsten Jahr werd ich auf jeden Fall auch wieder dabei sein. Und dieses mal bring ich auch meine Familie mit.
Man sieht sich in Dalsland - vielleicht steckt Dein Bericht ja noch ein paar Paddelkameraden an und es wird beim nächsten mal noch ein bisschen mehr deutsch gesprochen ;-)

micha martins
Freitag, 02-11-07 20:59

super Helge!
Eine starke Leistung und ein schöner Bericht. Ich könnte so etwas nur mit
einem kleinen motor im Boot. Gruss Inge

Helge Kotsch from Düsseldorf
Freitag, 31-08-07 14:20

Tja, warum? Wenn ich da so in den Eimer für Antworten aller Art schaue, wo die Gründe auf dem Grunde so rumliegen, sehe ich da:
- Kontakt zu anderen Paddlern
- sportliche Großveranstaltung in wunderschöner Landschaft und netter Atmosphäre
- eine Prise sportlicher Ehrgeiz sowie eigene Grenzen ausloten (klingt jetzt wie Reinhold und Arved neulich am Nordpol) aber es ist schon ein tolles Gefühl, im Ziel anzukommen. Egal wie lange man gebraucht hat. Danke für die Glückwünsche, aber setzt eure Hüte man wieder auf... vor mir sind einige Herren ins Ziel gekommen, die waren weit über 70! Denen gilt mein verehrtester Respekt.

Helga und Hans- Wolfgang Huebner / Knoch from Düsseldorf
Donnerstag, 30-08-07 18:08

Hut ab! Können Landschaft und Mentalität der Nordmänner und -frauen nachvollziehen! Schöner, lustiger Bericht! Herzlichen Glückwunsch und vielleicht sind wir nächstes Jahr auch dabei!

Verena Wittler
Sonntag, 26-08-07 21:52

Gute Leistung, herzlichen Glückwunsch.
Jetzt warte ich nur noch auf einen Kommentar mit der Frage: Warum macht man sowas? Siehe auch Bericht Wesermarathon 2006.

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